Ein Versuch, Gott zu beschreiben von Barbara Seiler
... und man muss es ja nicht "Gott" nennen. Du kannst genauso sagen: das Wesentliche, die Quelle, das Sein, der Ursprung... mit Worten ist es nicht zu fassen. Und dennoch, hier ein Versuch, genau das zu tun. the Timeless Way of Building Interessanterweise habe ich eine der schönsten Beschreibungen dieses Nicht-Beschreibbaren in einem Buch über Architektur gefunden, nämlich "The Timeless Way of Building" von Christopher Alexander. Er schreibt über die "Qualität ohne Namen": There is a central quality which is the root criterion of life and spirit in a man, a town, a building, or a wilderness. This quality is objecitve and precise, but it cannot be named. Auf Deutsch: Es gibt eine zentrale Qualität, die das Ur-Kriterium von Leben und Geist in einem Menschen, einer Stadt, einem Gebäude oder einer wilden Landschaft ist. Diese Qualität ist objektiv und präzise, aber sie kann nicht benannt werden." Er umschreibt diese Qualität als: der Unterschied zwischen Gesundheit und Krankheit, der Unterschied zwischen Ganzheit und Gespaltenheit, zwischen Selbst-Erhaltung und Selbst-Zerstörung. Dies Qualität ist nie zweimal genau gleich, sondern an jedem Ort individuell; sie ist frei von inneren Widersprüchen; sie macht, dass sich Wesen und Dinge lebendig anfühlen; sie ist Ganzheit; sie ist Komfort; sie ist frei; sie ist exakt; ego-los; ewig; sie ist süss mit einem Hauch von Bitterkeit. Und alle diese Worte sind nicht fähig, diese Qualität von Richtig-Heit vollständig zu beschreiben. Es gibt keine Worte, die fähig sind, diese Qualität zu vermitteln. Sie muss erlebt und gefühlt werden. Das Wort "Gott" benutzt Christopher Alexander in dem ganzen Text nirgends, doch genau darum geht es: Das Reich Gottes auf der Erde zuzulassen, worum in der Gebetszeile "dein Reich komme wie im Himmel so auf Erden" gebetet wird. ich bin der/die ich bin Ein weiterer Zugang ist durch die heiligen Bücher der Menschheit möglich, wo das Unbeschreibliche auch auf viele Weisen beschrieben wird. Und was selbstverständlich jede Menge Missverständnisse und Differenzen auslöst. Mose fragt Ihn, der im brennenden Dornbusch erscheint: wie soll ich dich nennen? - und bekommt zur Antwort: "ich bin der ICH-BIN". "ich bin", das ist das, was wir Menschen zu uns selbst sagen, wie wir uns selbst bezeichnen - es ist unser Kern, unsere Essenz. Es ist das, was wir selbst sind. Nicht die Oberfläche des Egos, die das "ich bin" nicht einfach so stehen lassen kann, sondern immer noch hinzufügen muss "ich bin - - - Mann, Frau, Kind, berufstätig, pensioniert, klug, geschickt, hässlich...." All diese Beschreibungen sind nicht das "ich bin", nicht unsere Essenz. Das Ich Bin ist das, was unsere einzige sichere Gewissheit ist. Ich weiss nicht unbedingt, wer ich bin, was ich bin, wie ich bin - ich weiss aber mit absoluter Sicherheit: ich bin. Das Evangelium nach Johannes überliefert verschiedene Worte, mit denen Jesus versucht hat, diese Qualität zu beschreiben: "Ich Bin das Leben - Ich Bin der Weinstock - Ich Bin der Weg (das Dao) - Ich Bin die Tür." Es handelt sich selbstverständlich nicht um die Person Jesus, die da spricht - es handelt sich um das grosse Ich Bin selbst, das durch Jesus spricht und handelt. Ich Bin das Leben - Gott ist Leben, und somit in allen von uns Menschen, aber auch in den Tieren, in den Pflanzen, in allem, was ist. Denn das Leben ist in der Materie als Potenzial eingebaut und schon eine Eigenschaft von Elementarteilchen und von Objekten, die man gemeinhin als leblos betrachtet. In der Genesis wird erzählt, wie Gott dem Menschen seinen Atem eingehaucht hat, diese besondere Form von Leben, die wir sind - und so ist jeder Atemzug ein Gebet. "ich bin lebendig, ich atme - ich atme - ich atme." Menschen mögen hin und wieder vergessen, ihr Bewusstsein auf Gott und das Leben auszurichten, der Körper vergisst es nie. "Ich bin der Weinstock - ihr seid die Reben." So wie ein Blatt oder eine Frucht ihr Leben nur durch die Pflanze erhält, an der sie wächst, so erhalten wir unser Leben nur durch das "ich bin", dessen Teil wir sind. "Ich bin der Weg, ich bin die Tür" - es geht nicht um etwas Statisches, es ist ein Prozess. Es geht darum, in jedem Moment offen zu sein und zuzulassen, dass "ich bin", unser tiefstes Sein, durch uns wirken kann - was selbstverständlich immer wieder mal in Konflikt mit Ego-Anforderungen kommt wie "lerne einen anständigen Beruf, sei vernünftig, benimm dich nicht kindisch." - doch das Ich-Bin ist auch, und sehr stark, ein Kind: offen, verspielt, neugierig, voller Zutrauen, voller Urvertrauen, ohne Vorurteile. "Werdet wie die Kinder", hat Jesus auch geraten. Entdecke dein Ich-Bin, indem du dich erinnerst, wie es ist, ein Kind zu sein. Das Wort vom Weg lässt sich in einem ganz anderen kulturellen Kontext finden, nämlich im Tao Te King, einem Grundlagentext des Taoismus. Das chinesische Wort "Dao", der Kernbegriff dieses Textes, bedeutet auf Deutsch übertragen: Weg, aber auch: Gott, Vernunft, Logos, Sinn, Richtung, Zustand, Vernunft, Wahrheit... Gleich am Anfang wird darauf die Unfassbarkeit des Dao hingewiesen: "Das DOS (*) (der Sinn), das sich aussprechen lässt, ist nicht das ewige DAO; der Name, der sich nennen lässt, ist nicht der ewige Name." Und hier lässt sich wiederum der Bogen zurück schlagen zum alten Testament, wo Gott den Israeliten sagte "du wirst dir kein Bild von Mir machen" - weil es nämlich gar nicht möglich ist. Worte, Bilder sind immer nur mehr oder weniger gute Annäherungen, mehr aber nicht. ______________________________________________ (*) Dass hier DOS statt DAO geschrieben steht, ist natürlich ein Vertipper. Ich lass ihn allerdings so stehen, denn DOS - das grundlegende Betriebssystem - ist ja etwas, was durchaus zum Thema passt... Gott ist auch unser DOS, unser Betriebssystem ______________________________________________ was die Wissenschaft sagt nun, die Wissenschaft sagt erst mal gar nichts. Denn das Göttliche, das ist nicht ihr Métier. Sie kümmert sich um den Bereich des sinnlich Fassbaren. Doch vielleicht gerade weil sie sich so sehr beschränkt, sind in den Naturwissenschaften Erkenntnisse gelungen, die unsere Sicht auf das Ich Bin erweitern, die von keinen Vorurteilen geprägt sind und von keinem "gesunden Menschenverstand" verzerrt werden. Einstein hat in seiner Relativitätstheorie beschrieben, dass Raum und Zeit eine einzige Einheit sind, die Raumzeit, und dass sie relativ sind - das heisst, dass sie verschieden wahrgenommen werden, je nachdem, wo sich ein Beobachter (ein Bewusstseinfunke, eine abgetrennte Facette Gottes) gerade befindet. Das Absolute, Göttliche, ist nicht innerhalb dieser Welt der Formen zu finden. Es ist ausserhalb - wo immer dieses "Ausserhalb" sein mag. Etwas nach Einstein wurde die Quantenphysik entwickelt - jenes Modell der Welt, das es ermöglichte, Atombomben und Computer und Handys zu bauen und Laser zu konstruieren. Also ein Konzept, das enorme Auswirkungen auf unseren Alltag hat. Dort wird es dann sehr esoterisch, mit Ideen wie: es ist der Beobachter - das Bewusstsein - das ein Materieteilchen in seine Existenz ruft. Es ist Bewusstsein, das die Welt in die Existenz bringt. Und viele verschiedene Experimente haben seither bestätigt, dass dem tatsächlich so ist. Wo kein Bewusstsein ist - da ist keine Wirklichkeit. Und dieses höchste Bewusstsein, das die Raumzeit aufspannt und der Urgrund von allem ist, was existiert - wie könnte man das anders nennen ausser göttlich? Barbara Seiler 2008 - www.spiriforum.net Dieser Text darf unter Hinzufügung dieser Fußnote gerne weitergegeben werden. |